Oberster Gerichtshof der Philippinen: Männer können Opfer sexualisierter Gewalt werden
EditDer Oberste Gerichtshof der Philippinen hat in einem wegweisenden Urteil festgestellt, dass Männer ebenfalls Opfer sexualisierter Gewalt werden können. In einer Entscheidung des gesamten Gerichts (En Banc), die am 4. Februar 2026 verkündet wurde, betonte das höchste Gericht, dass Gesetze inklusiv gestaltet sein müssen, um alle Betroffenen unabhängig von ihrem Geschlecht zu schützen. Das 17-seitige Urteil unterstreicht, dass die Rechtsprechung anpassungsfähig sein muss, um auch männliche Opfer von Tätern anzuerkennen.
Anlass für die Entscheidung war ein Fall von sexuellem Missbrauch gegen einen elfjährigen Jungen. Eine Frau wurde für unzüchtige Handlungen gegenüber ihrem Neffen für schuldig befunden. Laut Gerichtsunterlagen weckte die Frau den Jungen während eines Besuchs bei den Verwandten seines Vaters auf, forderte ihn auf, sich auszuziehen und auf ihrem Bett zu liegen, um anschließend sexuellen Kontakt mit ihm zu haben. Obwohl der Junge aus Neugier zunächst nicht protestierte, litt er nach dem Vorfall unter massiver Scham und zog sogar Selbstmord in Erwägung. Eine psychologische Untersuchung, die auf einem psychologischen Debriefing und unterstützender Psychotherapie basierte, diagnostizierte bei dem Kind eine posttraumatische Belastungsstörung infolge des sexuellen Missbrauchs.
Die Angeklagte argumentierte, der Junge habe zugestimmt, doch das Gericht wies dies zurück. Zum Zeitpunkt der Tat im Jahr 2018 lag das Alter der sexuellen Selbstbestimmung bei 12 Jahren; der elfjährige Junge galt somit als rechtlich nicht einwilligungsfähig. Erst durch das Gesetz Republic Act No. 11648 wurde dieses Alter im Jahr 2022 auf 16 Jahre angehoben. Das Gericht stellte zudem fest, dass die Frau den Jungen auch glauben ließ, er habe der Tat zugestimmt und diese genossen.
Die Frau wurde wegen unzüchtiger Handlungen gemäß Artikel 336 des revidierten Strafgesetzbuches (Revised Penal Code, RPC) verurteilt. Eine Verurteilung wegen Vergewaltigung war zum Tatzeitpunkt rechtlich nicht möglich, da die damalige Definition von Vergewaltigung nach Artikel 266-A des RPC auf die Penetration einer Frau durch einen Mann oder die Einfügung eines Objekts in die Genitalien beschränkt war. Das Gericht erläuterte zudem, dass Republic Act 7610, das Gesetz zum besonderen Schutz von Kindern vor Missbrauch, in diesem Fall nicht anwendbar war, da dieses Gesetz greift, wenn ein Minderjähriger aufgrund von Nötigung oder Einfluss zustimmt, der Junge jedoch zum Tatzeitpunkt völlig unwissend war. Das Gericht wies darauf hin, dass die aktuelle Gesetzgebung (RA 11648) diese Definition bereits erweitert hat und nun geschlechtsneutral von einer „Person“ spricht, die eine andere Person sexuell missbraucht. Dies ermöglicht es nun, Vergewaltigung auch durch Frauen zu verfolgen.
In dem von Senior Associate Justice Marvic M.V.F. Leonen verfassten Urteil kritisierte das Gericht, dass frühere Gesetze in patriarchalen Vorstellungen verwurzelt waren. Diese hätten primär darauf abgezielt, Männer zu bestrafen, die Frauen aus den Familien ihrer Väter oder Ehemänner „entwendeten“, anstatt den Schutz der körperlichen Autonomie in den Vordergrund zu stellen. Leonen betonte, dass sexuelle Gewalt gleichermaßen verheerend sei, unabhängig von der Art der Ausführung. Wenn Gesetze nicht geschlechtsneutral seien, litten männliche Opfer doppelt: einmal durch den Täter und ein zweites Mal durch das Justizsystem. Das Gericht verwies darauf, dass auch andere Länder bereits geschlechtsneutrale Formulierungen in ihren Gesetzen implementiert haben, um die körperliche Autonomie besser zu fördern.
Das Gericht stellte zudem klar, dass Vergewaltigung im Kern ein Machtproblem sei, bei dem Dominanz genutzt wird, um die körperliche Selbstbestimmung zu verletzen. Diese Machtungleichgewichte könnten durch Alter, sozioökonomischen Status, Bildung oder eben das Geschlecht entstehen. Der Täter nutzt dieses Ungleichgewicht, um das Opfer zur Unterwerfung zu zwingen oder es unmöglich zu machen, die Annäherung abzulehnen. Die Frau wurde zu einer Freiheitsstrafe zwischen neun und 16 Jahren verurteilt und zur Zahlung von 250.000 Pesos an zivilrechtlichem Schadensersatz verpflichtet.






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