Fehlprognosen bei Ölpreisen: Warum geopolitische Krisen Marktanalysen erschweren
In Zeiten von Kriegen und massiven Marktveränderungen erweist sich die Vorhersage von Ölpreisen als äußerst schwierig. Ein Beispiel hierfür ist die Entwicklung der Brent-Rohölpreise, die als internationaler Maßstab für die Preisbildung von Benzin und Diesel gilt. Im Juli fielen die Spotpreise kurzzeitig auf knapp über 70 US-Dollar, bevor sie durch geopolitische Spannungen wieder in Richtung 100 US-Dollar stiegen - obwohl Analysten im April noch von Preisen um 88 US-Dollar pro Barrel ausgingen.
Die Komplexität der Marktlage wird durch Konflikte in strategisch wichtigen Regionen verschärft. Insbesondere die Bedrohungen für die Schifffahrtswege in der Straße von Hormus und am Bab al-Mandeb beeinflussen den globalen Handel massiv. Täglich bewältigen diese Engpässe über 20 Millionen Barrel Öl sowie einen erheblichen Teil des weltweiten Containerverkehrs. Aktuelle Blockaden infolge des Konflikts zwischen den USA und dem Iran haben diese Handelskorridore bereits schwer gestört.
Die IEA bezeichnete die massiven Produktionsausfälle als die größte physische Unterbrechung der Ölversorgung in der Geschichte. Im Mai lag die Produktion um 13,6 Millionen Barrel pro Tag unter dem Niveau vor dem Krieg. Experten weisen darauf hin, dass Ölprognosen in Kriegszeiten oft scheitern, weil drei Faktoren verwechselt werden: die Brutto-Unterbrechung der Versorgung, das Netto-Marktdefizit und der tatsächlich notierte Preis.
Das Defizit wird jedoch nicht eins zu eins im Preis sichtbar, da verschiedene Gegenmaßnahmen greifen. So verzeichnete die globale Nachfrage im zweiten Quartal einen Rückgang von fast 5 Millionen Barrel pro Tag. Regierungen nutzen strategische Reserven, während China eine entscheidende Rolle spielt: Die chinesischen Importe sanken im Juni auf den niedrigsten Stand seit 2016, was den Preisdruck durch eine geringere Nachfrage abmilderte.
Zusätzlich erschwert die mangelnde Transparenz die Lage. Die genauen Bestände der strategischen Reserven Chinas sind für Außenstehende kaum messbar. Zudem wird oft die angekündigte Kapazität von Pipelines mit der tatsächlich nutzbaren Kapazität verwechselt. Da politische Ereignisse wie ein Waffenstillstand oder ein Angriff auf ein Tankerschiff die Risikoprämien am Markt schlagartig verändern können, bleibt der Ölmarkt ein hochgradig unvorhersehbares System.
Quellen
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