US-Justiz klagt Nutzer wegen Löschfunktion am Smartphone an
EditEin Rechtsstreit um die Nutzung von Sicherheitsfunktionen auf Mobiltelefonen sorgt für internationale Aufmerksamkeit. Dem Aktivisten Samuel Tunick aus Atlanta werden mehrere Bundesstraftaten vorgeworfen, nachdem er bei einer Befragung durch Grenzbeamter einen sogenannten „Duress Code“ (Notfallcode) verwendet hat. Dieser Code löschte die Daten auf seinem Smartphone unwiderruflich.
Der Vorfall ereignete sich im Januar 2025 an einem Flughafen. Tunick befand sich nach einem Naturtrip auf dem Rückweg, als er von Beamten der Heimatschutzbehörde abgefangen und einer sogenannten „sekundären Inspektion“ unterzogen wurde. Die Beamten befragten ihn unter anderem zu Bildern von sexuellem Missbrauch und verlangten die Herausgabe seines Telefons zur Datensammlung. Tunick, der ein Google Pixel mit dem spezialisierten Betriebssystem GrapheneOS nutzt, gab daraufhin den Notfallcode ein. Diese Funktion ist bei GrapheneOS optional und dient dazu, alle gespeicherten Daten sowie eSIMs bei Eingabe eines speziellen Codes dauerhaft zu entfernen, um die Privatsphäre zu schützen.
Das US-Justizministerium (Department of Justice) wirft Tunick nun vor, statt des eigentlichen Entsperrcodes den Löschcode verwendet zu haben. In einer ersten Anhörung am 20. Juli traten die Verteidiger von Tunick auf den Plan. Sie forderten die Abweisung aller durch die Beamten gewonnenen Beweise und argumentierten, dass die Befragung eine Verletzung der verfassungsmäßigen Rechte darstelle. Laut den Verteidigern sei die Frage nach den genannten Bildern lediglich ein Vorwand gewesen, um Informationen über Tunicks Verbindungen zu erhalten. Tunick selbst gab an, mehrfach um das Recht auf einen Anwalt und die Belehrung über seine Rechte gebeten zu haben, was jedoch abgelehnt wurde.
Die Behördenvertreter und die beteiligten Grenzbeamten widersprechen dieser Darstellung. Sie bezeichneten die Datenerhebung als routinemäßige Befragung an einem internationalen Flughafen, bei der lediglich nach verbotenen Inhalten gesucht wurde.
Der Fall hat weitreichende Bedeutung für die Cybersicherheit. Experten weisen darauf hin, dass dies möglicherweise der erste Fall ist, in dem ein gesamtes Betriebssystem aufgrund seiner Sicherheitsfunktionen ins Visier der Strafverfolgung gerät. Die Entwickler von GrapheneOS verteidigten Tunick und erklärten, dass das Betriebssystem vollkommen legal sei und die Bereitstellung von Sicherheitsfunktionen durch die US-Verfassung geschützt werde. Sie betonten, dass sie nicht verpflichtet seien, Sicherheitsmechanismen zu schwächen.
Der französische Cybersicherheitsexperte Christophe Boutry sieht in dem Fall ein Beispiel für den Versuch staatlicher Stellen, den Zugriff auf die Geräte von Journalisten und politischen Akteuren zu erzwingen. Auch in Katalonien, Spanien, sei bereits beobachtet worden, dass die Polizei Profile von Nutzern erstellt, die Google Pixel mit GrapheneOS verwenden. Die GrapheneOS Foundation mahnte unterdessen zur Vorsicht: Nutzer müssten die rechtlichen und physischen Konsequenzen einer Datenlöschung in Notsituationen sorgfältig abwägen.




