Philippinen erreichen Status als Land mit oberen mittleren Einkommen
EditDie Philippinen haben nach einer jahrzehntelangen Zugehörigkeit zur Gruppe der Länder mit unteren mittleren Einkommen eine neue wirtschaftliche Schwelle überschritten. Laut der aktuellen Klassifizierung der Weltbank stufen die Experten das Land nun als eine Volkswirtschaft mit oberen mittleren Einkommen ein. Die Grenze für diesen Status liegt bei einem Bruttonationaleinkommen pro Kopf von 4.636 US-Dollar. Mit einem Wert von 4.850 US-Dollar liegen die Philippinen damit zwar über der erforderlichen Marke, jedoch bleibt der Abstand zu Nachbarstaaten wie Malaysia, Thailand, Indonesien und Vietnam bestehen. Singapur wird in einer deutlich höheren Kategorie geführt.
Der Weg zu diesem Meilenstein unterscheidet sich jedoch grundlegend von dem der regionalen Konkurrenten. Während Länder wie Vietnam ihren Aufstieg primär durch industrielle Modernisierung, Fabriken und Exporte vorangetrieben haben, stützen sich die Philippinen verstärkt auf Rücküberweisungen von Staatsbürgern, die im Ausland arbeiten. Diese Abhängigkeit von Arbeitsmigranten zur Steigerung des Nationaleinkommens wird als eine strukturelle Schwäche gewertet, da sie verdeutlicht, wie viele Filipinos das Land verlassen müssen, um zum Wohlstand der Nation beizutragen.
Ein entscheidendes Maß für den tatsächlichen Fortschritt bleibt die Reduzierung der Armut. Hierbei konnten die Philippinen positive Entwicklungen verzeichnen: Die Armutsquote sank von 18,1 Prozent im Jahr 2021 auf 15,5 Prozent im Jahr 2023. Das entspricht etwa 17,5 Millionen Menschen. In diesem Zeitraum konnten somit rund 2,4 Millionen Filipinos der Armut entkommen. Trotz dieses Rückgangs wird betont, dass das aktuelle Tempo nicht ausreicht, um die Armut zeitnah vollständig zu beseitigen. Ohne tiefgreifende politische Veränderungen oder neue Impulse dürfte die vollständige Überwindung der Armut eher ein Ziel künftiger Regierungen als der derzeitigen sein.
Auch die Verteilung des Wohlstands bleibt eine Herausforderung. Zwar hat sich die Ungleichheit laut offiziellen Schätzungen durch einen sinkenden Gini-Koeffizienten leicht entspannt, doch bestehen weiterhin massive Disparitäten bei Reichtum, Chancen und der regionalen Entwicklung. Der neue Status als Land mit oberen mittleren Einkommen garantiert keine Lösung für alltägliche Probleme wie hohe Lebensmittelpreise für Reis, Verkehrsüberlastung oder den Mangel an qualifizierten Arbeitsplätzen.
Mit der neuen Einstufung ändern sich zudem die finanziellen Rahmenbedingungen für den Staat. Der Zugang zu vergünstigten Entwicklungshilfen und zinsgünstigen Krediten von multilateralen Gebern und Partnerregierungen wird schrittweise eingeschränkt. Die Kredite werden zwar weiterhin verfügbar sein, die Konditionen werden jedoch weniger entgegenkommend ausfallen. Dies stellt eine Belastung für die notwendigen Investitionen dar, da die Philippinen einen erheblichen Sanierungsstau bei der Infrastruktur aufweisen. Es besteht dringender Bedarf an Ausbau und Reparatur von Straßen, Schienenwegen, Häfen, der Energieversorgung sowie von Schulen und Krankenhäusern.
Besonders kritisch ist die finanzielle Lage im Hinblick auf die Klimaresilienz. Da die Philippinen zu den am stärksten von Naturkatastrophen betroffenen Volkswirtschaften der Welt gehören, ist die Finanzierung der Katastrophenvorsorge eine jährliche fiskalische Notwendigkeit. Die Staatsverschuldung liegt derzeit bei etwas über 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Dieser Wert ist zwar höher als in der Zeit vor der Pandemie, liegt aber weit unter den Quoten von Ländern wie den USA oder Japan. Dennoch verschlechtert sich die mathematische Ausgangslage für die Staatsfinanzen: Das Wirtschaftswachstum verlangsamt sich, während die Kosten für die Kreditaufnahme steigen und die Primärbilanz schrumpft.
Damit die Verschuldung beherrschbar bleibt, muss das Wirtschaftswachstum idealerweise schneller erfolgen als die Zinsen für staatliche Kredite. Aktuell verringert sich jedoch der fiskalische Spielraum, während die Kosten für die Entwicklung genau in dem Moment steigen, in dem das Land mehr Kapital benötigt. Dies erfordert eine striktere Haushaltsdisziplin bei der Kreditaufnahme. Es gilt, Projekte zu finanzieren, deren sozialer und wirtschaftlicher Nutzen die Kosten übersteigt, da der Spielraum für Verschwendung durch die höheren Zinsen schrumpft.
Zusätzlich bestehen politische Risiken für die wirtschaftliche Stabilität. Es gibt Anzeichen für eine Verschlechterung des Verhältnisses zwischen Ausgaben und Steuereinnahmen, da der Druck auf Steuersenkungen steigt, während gleichzeitig mehr Transferleistungen gefordert werden, ohne dass ein entsprechender Gegenwert in der Infrastruktur geschaffen wird. Es besteht die Sorge, dass Projekte durch politische Interessen verzögert oder als Instrumente für Wahlkampfzwecke missbraucht werden könnten. Um den neuen Status nachhaltig zu festigen, muss das Land beweisen, dass es das Wachstum effektiv in bessere Arbeitsplätze, geringere Ungleichheit und stabilere öffentliche Institutionen ummünzen kann.




