Die unbekannte Freundschaft zwischen Dr. Jose Rizal und Dr. Rudolf Virchow
Im Jahr 1887 traf sich in Berlin ein 65-jähriger europäischer Intellektueller mit einem 25-jährigen Arzt aus einem fernen kolonialen Außenposten. Der Europäer war Rudolf Virchow, der als Vater der modernen Pathologie gilt. Der junge Arzt war Jose Rizal, der später zum Nationalhelden der Philippinen wurde. Diese Begegnung war mehr als nur ein Treffen zweier bedeutender Mediziner.
Rizal hatte seine medizinischen Studien in Madrid abgeschlossen und sich in Paris und Heidelberg in der Augenheilkunde weitergebildet. Er suchte nach einem Ort, an dem Wissenschaft durch Verdienst und nicht durch rassische Hierarchien vorangetrieben wurde. Unter dem spanischen Kolonialregime in den Philippinen wurde Rizal als Bürger zweiter Klasse behandelt. In Berlin fand er unter der Leitung des Augenarztes Dr. Karl Ernst Schweigger eine intellektuelle Zuflucht.
Am 11. Januar 1887 stellte der deutsche Naturforscher Feodor Jagor Rizal Rudolf Virchow bei einem monatlichen Mittagessen der Geographischen Gesellschaft vor. Virchow war bereits eine Legende und hatte den Satz geprägt, dass alle Zellen aus Zellen entstehen, was die Krebs- und Krankheitsforschung revolutionierte. Er war auch ein politischer Radikaler, der für öffentliche Hygiene kämpfte und erklärte, dass Politik nichts anderes sei als Medizin im großen Maßstab.
Virchow erkannte das brillante Gehirn des jungen Filipinos und unterstützte Rizals Eintritt in die Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte. Rizal wurde deren erster asiatischer Mitglied. Im April 1887 präsentierte Rizal vor Europas Elite-Wissenschaftlern ein bahnbrechendes wissenschaftliches Papier über die komplexe Rhythmik und Seele der einheimischen philippinischen Poesie.
Rizal kehrte später in die Philippinen zurück, um für die Freiheit seines Heimatlandes zu kämpfen. Er wurde am 30. Dezember 1896 von einem spanischen Erschießungskommando hingerichtet. Als die Nachricht von Rizals Märtyrertod Berlin erreichte, war die deutsche wissenschaftliche Gemeinschaft tief betroffen. Am 16. Januar 1897 hielt Rudolf Virchow eine bewegende Trauerrede für seinen jungen Freund.
Die Begegnung zwischen Virchow und Rizal zeigt, was passiert, wenn Wissenschaft Grenzen und Vorurteile überwindet. Es war ein kurzer Moment in der Geschichte, in dem zwei Ärzte aus entgegengesetzten Ecken der Welt über Imperien und Rasse hinwegblickten und sich einfach als Brüder in der Wissenschaft und als Kämpfer für die Menschenwürde erkannten.